PRIDE / WIEN
Warum die Regenbogenparade in Wien andersrum um den Ring zieht
Am 13. Juni 2026 zog die Regenbogenparade zum dreißigsten Mal über die Wiener Ringstraße, wie gewohnt andersrum, also gegen die Fahrtrichtung. Kurz vor dem Start ging ein Wolkenbruch über der Stadt nieder, nach Hause ging trotzdem kaum jemand. Eine Runde durch dreißig Jahre Regenbogenparade.
DIE KURZE ANTWORT
„Andersrum“ heißt bei der Wiener Regenbogenparade zuerst ganz wörtlich, dass der Zug den Ring gegen die Fahrtrichtung umrundet. Dass das Wort auch noch etwas anderes bedeutet, ist der schöne Nebeneffekt.
Vor der Parade gab es bereits CSD-Demonstrationen
Die queere Bewegung ging in Wien schon vor 1996 auf die Straße. Die HOSI Wien organisierte 1982 eine öffentliche Veranstaltung zum Christopher Street Day, 1984 folgte eine CSD-Demonstration durch die Innenstadt. Später gab es Festwochen und weitere Aktionen, aber nicht jedes Jahr eine Parade.
Am 29. Juni 1996 folgte die erste Regenbogenparade und mit ihr eine neue Größenordnung. Unter dem Motto „SICHTBAR“ kamen an die 25.000 Menschen, organisiert hatte sie das Österreichische Lesben- und Schwulenforum. Die Route führte über die Ringstraße, an der Parlament, Rathaus, Universität, Burgtheater und Staatsoper liegen. Damals ging es noch ganz brav in Fahrtrichtung, von der Staatsoper bis zum Schottentor.
Die Parade war damit von Anfang an mitten in der Stadt. Sie wich nicht auf ein abgeschlossenes Festivalgelände aus, sondern nahm für einige Stunden einen der bekanntesten öffentlichen Räume Wiens in Anspruch.
„Andersrum“ ist zuerst eine Wegbeschreibung
Ab der zweiten Parade drehten die Organisator*innen die Richtung um. Seither zieht der Zug meist gegen die Fahrtrichtung um den Ring, symbolisch andersrum, und aus einer Wegbeschreibung wurde ein Markenzeichen.
Der Doppelsinn liegt trotzdem auf der Hand. Umgangssprachlich heißt „andersrum“ auch homosexuell, ein verhüllendes Wort, das hier ganz unverhüllt über den Ring zieht.
Heute ist die Route ein ganzer Kreis, vom Rathausplatz einmal um die Innenstadt und wieder zurück. Wer mitgeht, ist Stunden unterwegs und erlebt die Stadt Abschnitt für Abschnitt.
An Parlament, Oper und Donaukanal vorbei
2026 sammelten sich die teilnehmenden Gruppen ab dem Vormittag zwischen Rathausplatz, Burgtheater und Franz-Josefs-Kai. Geplant war der Start für 12:00 Uhr, doch ein Wolkenbruch hielt den Zug noch zwanzig Minuten auf. Dann zog die Spitze über Parlament und Heldenplatz zur Staatsoper, weiter über Stubenring, Urania und Schwedenplatz, anschließend am Franz-Josefs-Kai entlang über Börse und Universität zurück zum Rathausplatz.
Am Parlament zogen die politischen Forderungen direkt an jenem Ort vorbei, an dem Gesetze beschlossen werden. Wenige Kilometer später lag die Route zwischen Oper, Hotels, Geschäften, Verkehrsknoten und Donaukanal. Die Parade wurde dadurch nicht nur von den Teilnehmer*innen gesehen, sondern auch von Menschen, die an diesem Tag aus anderen Gründen in der Stadt waren.
Um 15:00 Uhr wurde es auf dem Ring still. Beim „Moment des Gedenkens“ hielt der Zug inne und erinnerte an Menschen, die durch HIV und Aids, queerfeindliche Gewalt oder Verfolgung ihr Leben verloren haben. Auch das gehört zur Regenbogenparade, genauso wie Musik, Wagen und die Party am Abend.
2026 zog die Parade zum dreißigsten Mal über den Ring
Das Motto 2026 lautete „SICHTBAR seit 1996“ und nahm das Motto der allerersten Parade wieder auf. Die Österreichische Post widmete dem Jubiläum sogar eine eigene Sondermarke. Dreißig Ausgaben bedeuten aber nicht, dass alle politischen Ziele erreicht wären. Die Veranstalter*innen forderten weiterhin umfassenden Schutz vor Diskriminierung, die Umsetzung des Nationalen Aktionsplans gegen Hate Crime und ein Verbot sogenannter Konversionstherapien.
Gegen 16:00 Uhr war die Spitze des Zuges zurück am Rathausplatz. Nach Angaben der Veranstalter*innen gingen rund 320.000 Menschen mit. Dabei musste die Vienna Pride 2026 mit fast halbierter Förderung auskommen, das Pride Village am Rathausplatz gab es deshalb nur an einem statt an drei Tagen.
Am Abend gehörte der Rathausplatz der Pride Celebration. Mit JJ und Conchita Wurst standen zwei Song-Contest-Gewinner*innen auf der Bühne, zum Schluss wurde traditionell der Donauwalzer getanzt. Bei aller Party blieb die Regenbogenparade, was sie seit 1996 ist: eine Demonstration, und zwar die größte des Landes.
Mitgehen war auch ohne Anmeldung möglich
Für Privatpersonen bestand 2026 keine Anmeldepflicht. Wer zu Fuß mitgehen wollte, konnte sich der öffentlichen Demonstration anschließen. Registrieren mussten sich offizielle Beiträge, Gruppen mit Fahrzeugen und andere Einheiten, die einen festen Platz in der Aufstellung benötigten.
Die lange Liste registrierter Gruppen zeigte, wie viele Vereine, Initiativen, Betriebe und politische Organisationen sichtbar teilnahmen. Die Demonstration selbst blieb aber offen für Menschen, die ohne Wagen, Banner oder Vereinszugehörigkeit kamen.
Genau diese Offenheit macht den Tag aus. Man kommt mit Freund*innen, verliert sie irgendwo zwischen Oper und Schwedenplatz und findet sie am Abend am Rathausplatz wieder, nass vom Regen oder heiser vom Singen.
Ein ganzer Nachmittag auf dem Ring
Eine Runde um die ganze Innenstadt dauert Stunden. Wer sie schon einmal gegangen ist, weiß, dass am Ende eingelaufene Schuhe und eine Flasche Wasser mehr zählen als jeder Glitzer, und dass ein vorher ausgemachter Treffpunkt Gold wert ist, wenn das Handynetz am Ring in die Knie geht.
Und dann die Frage nach dem Outfit. Am Ring geht alles, vom Mesh-Top über die kurze Short bis zum Harness, solange nichts scheuert und man nach vier Stunden noch tanzen kann. Wer Farbe tragen will, findet sie in der ADDICTED Pride-Kollektion, und für den Abend wandert ein leichtes Hemd in die Tasche.
Manche gehen ab Mittag die ganze Runde, andere stoßen erst am Abend am Rathausplatz hinzu. Beides gehört dazu, und am Ende stehen alle vor derselben Bühne.
Dreißig Jahre Parade, fast so lange andersrum
„Andersrum“ heißt in Wien gegen die Fahrtrichtung, einmal um die ganze Innenstadt. Aus der ersten Parade von 1996, die noch in Fahrtrichtung lief, ist ein Tag geworden, an dem Hunderttausende den Ring für ein paar Stunden in die andere Richtung drehen.
Wer den gesamten Ring mitgeht, erlebt mehr als eine Abfolge von Wagen und Bühnen. Die Strecke führt an Institutionen, Alltagsverkehr und Zuschauer*innen vorbei und endet dort, wo sie begonnen hat: am Rathausplatz.

